Thomas Wencke Lutz

gesellschaftspolitische Randthemen

Lutz hats geschrieben | 6.07.2009 22:23 |

Meine Bachelorarbeit frisst mich auf, Ende Juli gibts hier wieder mehr, aber den Artikel “Ideologischer Kampfhund beißt Internet” von Sina Kaufmann vom “Internetrepublik“-Blog kann ich nicht vorenthalten und veröffentliche ihn hier 1:1. Ich habe dort leider keine Nutzungsbedingungen finden können, aber sobald ich den Hinweis bekomme, dass ich hier etwas Falsches gemacht habe, nehme ich ihn wieder runter:

von Sina Kaufmann
Die Internet-Debatte in Deutschland bewirkt vor allem eines: sie unterbindet Innovationen und Kreativität. Ein kluger Artikel in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung schafft es den Wahlkampf-Demagogien zu widerstehen und bringt es auf den Punkt:

“Das wichtigste technologische Thema unserer Zeit wird von der Politik ganz eindeutig mit gesellschaftspolitischen Randproblemen besetzt”

Bomenbauanleitungen, Kinderpornographie, Sucht, narzisstische Selbstinzenierung, Killerspiele und natürlich das Ende des Journalismus – das Internet ist politisch klar besetzt. Ein Prügelknabe für Amokläufe, Terroranschläge, Zeitungssterben, die kaputte Musikindustrie – fehlt nur noch der direkte Zusammenhang zur Wirtschaftskrise.

Übliche VorurteileÜbliches Vorurteil

130.000 Unterzeichner einer Petition gegen Einführung von Netzsperren werden leichtfertig abgebügelt oder als ‘Perverse’ denunziert. Dabei richtet sich die Petition nicht nur gegen das Zensurgesetz, sondern auch gegen die Ignoranz, mit der die Politik dem neuen Medium begegnet, es abbügelt. Eine neue Kulturtechnik, die eine Generation prägt und das Leben verändert, wird einfach übersehen.

Traurig aber treffend analysiert Andrian Kreye, “dass die Netzgemeinde sich hinter einer ähnlich ideologischen Trotzhaltung” verschanze und ihren Hass an traditionellen Medien und ahnungslosen Parteivertretern abarbeite. Keine Plattform wie Moveon.org habe man hierzulande hervorgebracht, stattdessen werde lieber auf allem Netzkritischen rumgehackt.

“Das Fatale an der aktuellen deutschen Debatte über das Internet ist, dass hier eine zukunftsweisende Technologie ideologisiert wird”

Das ist ungeheuer schade, weil das Internet Hoffnung machen kann. Das Internet kann die allgemeine Resignation vor den großen Aufgaben der Weltgemeinschaft durchbrechen. Wer sich unter Netzaktiven bewegt, spürt diese Hoffnung, die Hoffnung neue Wege für ungelöste Probleme zu beschreiten. Sei es der Klimawandel, Armut, Demokratiedefizit, Einsamkeit oder Bildungsnotstand, für alles gibt es auf einmal neue Ideen und Hoffnung. Wer in afrikanische Länder blickt, erlebt, dass sie eine Entwicklungsstufe überspringen und gleich mit ihrem Handy ins Netz gehen, Wahlergebnisse twittern oder gar mobil ihr Konto verwalten.

Das Netz ist weder ein Heilsbringer, der Glück, Demokratie, Bildung und Wirtschaft von selbst revolutioniert; noch ist es der Vorhof zur Hölle, der echte Gespräche durch Browsergames ersetzt und dem untergehenden Abendland den letzten Stoß versetzt. Im Prinzip bietet es aber Potenzial für beides und gerade deshalb muss in Deutschland eine andere Debatte geführt werden. Darüber, wie ist es möglich wird, dass die gesamte Gesellschaft vom Internet profitiert. Ein Staat kann in der globalen Wissens- und Informationsgesellschaft vieles leisten – eine Debatte darüber findet nur nicht statt. Mehr als illegale Musik- und Pornodownloads scheint man unserer Öffentlichkeit nicht mehr zuzutrauen.

USAspending.gov – Transparenz im HaushaltUSAspending.gov – Transparenz in den Haushalt

“In einem Land, in dem die Politik das Internet mit Begriffen wie Sucht, Pornographie und Verbrechen besetzt, wird es schwer sein, das Internet in Schulen zu bringen und dort eine Generation für digitale Berufe zu erziehen”

Andere Nationen haben, laut Süddeutscher Zeitung, den Innovationsfaktor des Netzes längst begriffen, und so diskutiere man in Ländern wie Schweden (dem Ursprungsland der Piraten-Bewegung), in Korea oder den USA über digitale Bildung und freien Netzzugang für alle oder Plattformen, wie USAspending.gov. Und Estland machte schon vor Jahren den kostenlosen Zugang zum Internet zum Grundrecht und Wählen übers Internet ist für die Esten selbstverständlich. Die Innovationfreundlickkeit des Landes wurde erwidert: Der weltumspannende VoIP-Dienst Skype wurde maßgeblich dort entwickelt.

Wikipedia - bekanntestes Beispiel für erstaunliche KollaborationBekanntestes Beispiel für erstaunliche Kollaboration

Hierzulande gibt es nicht mal flächendeckenden Breitbandzugang!

Große Projekte und Ideen werden durch die Richtung der politischen Debatte schon im gedanklichen Stadium unterbunden. Wen wundert es da, dass sich die Begeisterung des deutschen IT-Sektors gegenüber  jährlichen Verlusten von 174,2 Millionen (wie sie beispielsweise YouTube ‘erwirtschaftet’) in Grenzen hält. Verleger hierzulande setzten auf gestreute Beteiligungen und ‘optimieren’ ihre Redaktionen. Ein Verleger, der sich begeistert und visionär in ein mit der Huffington Post vergleichbares Projekt stürzt, wurde bisher nicht gesichtet. Lieber werden in Printmedien Debatten angestoßen, die das Netz für den Untergang des Qualitätsjournalismus verantwortlich machen. Es fehlt nicht nur der Mut ein Scheitern zu riskieren, sondern vorallem die Leidenschaft. Das Internet verdient als die technologische und kulturelle Innovation unserer Zeit solch eine leidenschaftliche Betrachtung. Ach, aber Leidenschaft von der deutschen Politik zu fordern ist wie Kampfhunden ein Miauen zu abzuverlangen.

Dabei ist das Netz ein “Motor für die Zukunft der Wirtschaft”. Sodass neben der gehemmten kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung aus der Ideologisierung des Netzes also vorallem ein volkswirtschaftlicher Schaden entsteht – wenigsten das muss doch verstanden werden…!

Eine zukunftsweisende Technologie wird ideologisiertEine zukunftsweisende Technologie wird ideologisiert
Zitate entstammen dem Text: “Netz der Ideologien”, Leitartikel von Andrian Kreye aus Süddeutschen Zeitung vom Montag, den 6. Juli, S. 4.
Hintergründe
Spiegel online über das Fortschrittsland Estland
Entwicklung der Wahlbeteiligung der Europawahlen in Estland.
Blogeintrag übers Wählen via sms
Tallins Kuturszene im Aufschwung durch freien Netzzugang, aus Spiegel Wissen
Die Debatte über eGovernment im Europäischen Parlament
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