Ich habe mir deinen Blog ausgedruckt
Seit einigen Monaten geistert der Begriff des “Internetausdruckers” durchs Netz. Wikipedia hilft: “… als Bezeichnung für Politiker welche über die Netzkultur betreffende Maßnahmen entscheiden, jedoch selber nur wenig technisches und kulturelles Verständnis dafür aufbringen.” (Netzkultur#Politik). Ein recht krasses Beispiel hat dazu Alvar Freude vom AK (Arbeitskreis) Zensur vor einiger Zeit veröffentlicht:
Die Antwort enthält eine Anlage: Das Interview mit Ursula von der Leyen im Hamburger Abendblatt. Als PDF. Aber nicht die Seite aus der Zeitung, nein: der leicht schräg eingescannte Ausdruck des Interviews von der Webseite des Bundesfamilienministeriums.
—-
In letzter Zeit ist eine Zunahme der Konflikte zwischen politischen Entscheidungsträgern und der Netzgemeinde zu verzeichnen. In der öffentlichen Diskussion wird nur noch über die Regulierung des Internets gesprochen, während seine eigentlichen herausragenden Chancen zunehmend vergessen und vor allem verdreht werden. “Die Union sieht im Internet offenbar vor allem Gefahren.” erkennt die ZEIT und der Spiegel konstatiert in seiner aktuellen Ausgabe und Titelstory: “Das Netz, so sehen es manche, bedroht den Frieden der Welt.”
Das Schlimme dabei ist, dass hier nicht einfach zwei unterschiedliche Meinungen um ein Ergebnis streiten, sondern Unwissenheit und Ignoranz auf fundierte (und verzweifelte) Argumentation trifft. Da werden rücksichtslos Grundgesetzverstöße be- und gesellschaftliches Engagement übergangen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Mitunter entsteht sogar ein bizarrer Wettstreit, wer “besser” reguliert (von der Leyen – Schwesig; von der Leyen – Zypries).
Die Medien haben auch lang mit dem Thema zu kämpfen gehabt, doch lässt sich langsam ein Trend dahin erkennen, dass zumindest einzelne (netzaffine) Redakteure noch in der Lage sind, Lügen und Fakten trennen zu können.
Vor ein paar Wochen nahm sich die ZEIT das Internet und seine Regeln zum Titelthema und setzte es gehörig in den Sand. Gestern entdeckte ich dann diesen Artikel: “Staatliche Überwachung – Sicherheit total”:
Wie jeden Morgen rufen Sie Ihre privaten E-Mails ab. Die sind schon überprüft worden – nicht nur von Ihrem Virenscanner. Sie rufen noch die eine oder andere Webseite auf – die Kripo weiß, welche, wenn sie möchte, und kann das auch in sechs Monaten noch überprüfen. Sie nehmen schnell noch eine Überweisung vor – die Behörden wissen, an wen. Zum Glück heißen Sie Müller, das schützt ein wenig. Bei Ihrem Kollegen Tarik al-Sultan, der neulich zum Bergsteigen in Kaschmir war, verschickt der Computer gerade den gesamten Inhalt der Festplatte an den Verfassungsschutz. Greifen Sie etwa gerade nach dem Telefon, um mit Tarik etwas Vertrauliches zu besprechen, das nicht ins Büro gehört? Lassen Sie es lieber sein. Besuchen Sie ihn zu Hause, wenn Sie ungestört reden wollen. Es sei denn, Tarik wurde als Gefährder eingestuft, weil er regelmäßig Geld an seinen arbeitslosen Cousin in Pakistan schickt. Dann ist seine Wohnung ohnehin verwanzt.
…
Achtung bitte, wir unterbrechen diesen Text für eine wichtige Durchsage: Dies ist keine Science-Fiction! Wir wiederholen: keine Science-Fiction! Dies ist nicht 1984 in Ozeanien, sondern das Jahr 2009 in der Bundesrepublik. Falls Sie sich immer noch nicht verdächtig fühlen – herzlichen Glückwunsch. Sie sind ein unbeugsamer Optimist.
Auch der Spiegel vergriff sich in seiner Titelstory an der Regulierung des Internets. Das Netz reagierte sofort. Doch heute veröffentlichte der Spiegel-Redakteur Christian Stöcker seine “ZEHN THESEN ZUM WEB: Warum die Dummheit des Internets ein Segen ist”:
- Warum die Dummheit des Internets ein Segen ist
- Die Internetnutzer sind selbst schuld an dem, was das Netz gefährlich macht
- Wer über die Gefahren des Netzes lamentiert, meint in Wahrheit meist schlechte Manieren
- Wir sollten aufhören, den Exhibitionismus anzuprangern, solange wir den Menschen schamlos und ohne jede Hemmung durchs Wohnzimmerfenster starren
- Wir brauchen eine neue Definition von Öffentlichkeit
- Jugendschutz ist wichtig, aber nicht wichtiger als alles Andere
- Die Staaten dieser Welt werden sich nicht darüber einigen, wie das Netz sein sollte
- Es ist dennoch möglich, einen internationalen Minimalkonsens darüber herzustellen, welche Verbrechen geahndet werden sollten
- Kulturpessimismus kann Wandel weder aufhalten noch in sinnvoller Weise formen
- Die Vorteile eines freien Internets überwiegen seine Nachteile
Kann das bitte mal jemand ausdrucken?
—-
Wie ich darauf gekommen bin? Netzpolitik hat mal wieder ein Plakat-Remix-Contest veranstaltet. Das obige Bild brachte mich auf die Idee für diesen Post….
Tags:Internetausdrucker, Schäuble





4 Trackback(s)
Die Kommentarfunktion ist momentan deaktiviert.